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50 Jahre Friedemann
Wo Stilrichtungen aufeinander treffen

Der Freiburger Instrumentalist und Komponist Friedemann Witecka darf auf ein halbes Jahrhundert Musik-Produktion zurückblicken. Ein Grund mehr, mit dem außergewöhnlichen Künstler in seinem Studio in Bollschweil ins Gespräch zu kommen.

Lieber Friedemann Witecka, wer ihre eigenwillige und exklusive Musik kennt, lernt diese zu schätzen, denn sie bewegt sich außerhalb von kommerziellen Ohrwürmern und ist für viele Konsumenten „Musik pur“. Folk, Kammermusik, aber vor allem Jazz und Experimentelles kommen in ihren Kompositionen vor. Es gibt zwar Möglichkeiten ihren Musikstil einzuordnen, aber es trifft es nie ganz genau. Wie würden Sie ihr Genre bezeichnen das Sie besetzen?

Man kann, wie es die Frage andeutet, viele verschiedene Stil-Begriffe aneinanderreihen und sagen, in dieser Musik steckt von allem etwas. Das wird heute sehr gerne und sehr häufig gemacht. Mir behagt das jedoch nicht, weil damit keine individuelle Künstleridentität beschrieben wird. Aber zur Sache: Das Genre ist "Neue Instrumentalmusik" oder wie man in den USA sagt, "Contemporary Instrumental Music". Alles klar?  - Eben nicht!

Ich bin Tonkünstler und teile mich in der Musik mit. Wer erfahren möchte was in dieser Musik geschieht, der möge sie sich bitte anhören. Die Musik zu beschreiben überlasse ich den Journalisten. Und die haben über Jahre einige treffende Ausführungen verfasst. So Tom R. Schulz in der ZEIT: „Eine bildreiche, lebendige, wenig konfliktscheue, swingende, folkloristisch grundierte und mit kräftigen Jazztupfern konturierte Musik.“ Oder Matthias Inhoffen in STEREOPLAY: "Friedemann Witecka entzieht sich – mit großem Gewinn für den Zuhörer – den gängigen Stilzuweisungen. Er ist weder Popstar noch Folkbarde, er ist kein klassischer Solist und auch kein Jazz Man, und doch schimmert all dies in seiner Musik durch. Da gibt es Melodien, die so unverschämt süffig sind, dass ihn so manche Boy Group darum beneiden dürfte. Sorgfältige akustische und komplexe Geflechte knüpfen an die Atmosphäre impressionistischer Kammermusik an. Und die schwungvollen Improvisationen, zu denen seine Begleiter zusammenfinden, geben ihre Verwurzelung im wild wuchernden Dschungel des Jazz zu erkennen." Viel besser kann man es nicht sagen!

Mit „Beginning of Hope“ haben Sie 1979 eine erste LP herausgebracht. Zählt man noch die frühen Auftritte im Talentschuppen und in London dazu, sind Sie heute 50 Jahre in der Musikbranche tätig. Was war gut und hat Sie dabei wesentlich motiviert?

Meine erste LP war "Songs For A Beginning", 1977 auf dem Stockfisch-Label erschienen. Produzent und Label-Inhaber Günter Pauler machte mir damals mit eindringlichen Worten klar, dass das ja ganz schön sei, aber ein großer Erfolg wird es nicht werden. Günter Pauler sollte Recht behalten. So war ein erster Höhepunkt gleichzeitig eine erste Ernüchterung. Aber das hat mich nicht demotiviert. Der nächste Schritt führte von London, wo ich von 1970 bis 1980 lebte, nach Stuttgart. Dort schloss ich mich dem damals sehr renommierten Tonstudio in der Zuckerfabrik an, wo dann auch „The Beginning Of Hope“ aufgenommen wurde und viele weitere Produktionen entstanden.

Was mich von Kindesbeinen an motiviert hat, ist das Klangerlebnis. Bevor ich überhaupt einen Akkord greifen konnte, legte ich als junger Bub die Gitarre meines Vaters auf das Sofa, presste ein Ohr auf die Schalldecke, schlug eine Saite an und lauschte... wie der Ton losknallte, wie verschieden hohe und tiefe Töne schwingen und verklingen. Das war meine erste Klangwelt. Ich habe darin gebadet und tue das noch heute, allerdings auf etwas raffiniertere Art und Weise.     

„Indian Summer“, erschien 1987. Darin beschreiben Sie melancholisch die Landschaft des vergehenden Sommers. Eine Produktion die international Aufsehen erregte und sechsstellige Verkaufszahlen erreichte. War das der Start zu weiteren bemerkenswerten Aufnahmen?

Der Weg war schon eingeschlagen. Jetzt kam der erste internationale Höhepunkt. Schon die Aufnahmen führten ins Ausland, ins Elsass. Na ja, für uns Südbadener ist das eigentlich kein Ausland, das sind unsere Nachbarn. Wir haben die gleiche Kultur und der Dialekt ist auch verwandt. Durch meine Straßburger Mitmusiker Philippe Geiss und Emmanuel Séjourné kam ich in ein kleines Studio in Illhäusern, direkt neben der berühmten Auberge de l'Ill. Zu dieser Zeit entstand in den USA ein musikalischer Trend, den man New Age nannte. Damit gab es plötzlich ein Etikett, das auch in Europa eine starke Wirkung hatte und schließlich eine amerikanische Plattenfirma auf den Plan rief, die "Indian Summer" und später "Aquamarin" sowie "Legends Of Light" weltweit vermarktete. Ich muss aber sagen, dass ich mich mit New Age nie identifiziert habe. Die Musik ist auch ohne dass man pseudoreligiöse oder spirituelle Hintergründe hineininterpretiert die "geistigste" Kunstform, schon deswegen, weil sie gänzlich immateriell ist.

Ein Blick auf das Cover der CD „Aquamarin“ zeigt eine eingeschworene Musikergemeinschaft, das Aquamarin Orchester. Die Stücke dieser CD sind teilweise filigran, andere wieder außergewöhnlich dynamisch, insbesondere „Bao Lan“, das mit fein abgestimmten Tönen startet um dann später förmlich zu explodieren. Auch bei späteren Produktionen setzten dynamische Momente Highlights. War das ein Stil dieser Epoche?

Nein, Dynamik in der Musik entsteht ganz einfach durch den Gegensatz von lauten und leisen Passagen und erzeugt dadurch Spannung. Jedes Instrument kann natürlich laut und leise gespielt werden, aber besonders geeignet dazu sind Perkussionsinstrumente, wie Trommeln, Pauken, Schlagzeug, Marimba und Vibraphon. Sie haben einen erheblich größeren Dynamikumfang als z. B. eine akustische Gitarre. Seit den frühen 1980er Jahren hatte ich mit dem Straßburger Perkussionisten Emmanuel Séjourné einen Giganten dieser Instrumentengattung an meiner Seite. Dieser Einfluss hat sich tief in meine kompositorische Arbeit eingebrannt.

Mit der Einführung der CD steigerte sich die Qualität der Musikwiedergabe. „Aquamarin“ wurde in den 90er Jahren zur besten audiophilen CD aller Zeiten gewählt. War „Aquamarin“ Ihre erste CD-Produktion und war sie der Auftakt für noch hochwertigere Produktionen?

Schon die LP‘s aus der Zuckerfabrik wurden in der Fachpresse mit Bestnoten für die Aufnahmetechnik - also den Klang - ausgezeichnet. Ich sagte ja schon: ich war von Kindesbeinen an ein Klangfanatiker!

Die erste volldigitale Produktion war "Flight Of The Stork" mit der US-Sängerin Serah. Erst danach kam "Aquamarin". In dieser Zeit machte die Technik in den Tonstudios eine gewaltige Entwicklung, die mir und meinem langjährigen Tonmeister Johannes Wohlleben sehr gelegen kam. Aber die Technik alleine macht natürlich keine Musik. Die Musik von Aquamarin hat den Nerv eines großen Publikums getroffen, ich vermute, weil sie bei aller Zugänglichkeit auch raffiniert und intelligent ist und obendrein gut klingt. Nicht unerheblich für den Erfolg war auch die Einführung der CD und die damit verbundene optimierte Klangwiedergabe - ein guter Zeitpunkt für audiophile Musik.   

Sie sind ein außergewöhnlicher Musiker, der es versteht, Bilder, bzw. Landschaften musikalisch zu beschreiben. Ein ganz herausragendes Beispiel ist dabei die CD „The Legends of Light“ – Geschichten im alten Belchen-Land. Im Stück „Spring has come to Wiesental“ lässt sich eine quirlig dahin fließende Wiese hören, aber auch eine erstarkende Sonne. Bei „Sunday in Alsace“ zeigen Sie uns malerisch die Situation einer Ortschaft des Elsass im Hochsommer, die Sonne brennt herunter, die Straßen menschenleer, lediglich eine schwarze Katze kreuzt den Weg. – Wie entwickelt man solche Stimmungen und Situationen um sie dann präzise in Musik zu beschreiben?

Beim Komponieren habe ich immer Bilder im Kopf, die Stimmungen und Atmosphären erzeugen. Was dann geschieht ist eben "immateriell" - übersinnlich.

Was inspiriert Sie – oder anders gefragt – von was lassen Sie sich inspirieren. Was sind die Impulse für solche besondere Produktionen?

Im barrierefreien Denken kommen Einflüsse aus allen Richtungen: Musiken und Musiker aus aller Welt; soziale Ereignisse wie Liebschaften und Beziehungen, Trauer und Freude; Erlebnisse in der Natur, Landschaftseindrücke, usw., usw.

Wie wird eigentlich ein Stück produziert, erst die Idee, dann die Melodie zum Beispiel mit der Gitarre – und wie kommen dann die weiteren Instrumente dazu?

In der vordigitalen Zeit nahm ich die Ideen, die auf der Gitarre entstanden, zunächst auf einem Tonband auf. Anschließend fügte ich wichtige, melodieführende Instrumentenstimmen per Playback dazu und wenn die Ohren mir schließlich sagten: jetzt ist es gut, dann schrieb ich die Noten dafür. Weitere Ideen und viele Details wurden später mit den Musikern im Tonstudio ausgearbeitet. Seit 1989 komponiere ich überwiegend am Computer und arbeite viele Instrumentenstimmen recht detailliert aus - auch Gitarren. 

Bei Ihren Auftritten spielt das ganze Ensemble ohne Noten. Es ist faszinierend wie die Musiker unterschiedliche Instrumente beherrschen und harmonisch ein klangvolles Gesamt-Erlebnis bieten. Die Professionalität besticht. Suchen Sie nach perfekten Musikpartnern?

Außer mir haben die wunderbaren Musiker der Ensembles, die ich seit 1990 zusammengestellt habe, sehr wohl Notenblätter vor sich gehabt. Das geht gar nicht anders bei einem zweistündigen Konzertprogramm, das von Instrumentalisten bestritten wird, die in vielen verschiedenen Projekten in kurzen Zeitabständen tätig sind. Es ist nicht möglich in einer sehr kompakten Probezeit alles zu memorisieren. Anders ist es bei mir. Schon während der Kompositionsphase und ganz besonders bei der Studioarbeit, wo buchstäblich jeder Ton unter die Lupe kommt, entsteht eine sehr enge Verbindung zur Musik. Das ist dann so lebendig in mir und so präsent, dass ich in der Regel kaum Notenblätter brauche. 

Ihrer gerade erschienen Produktion „The Master Tracks“ stellen Sie ältere Aufnahmen in ein neues, beeindruckendes Klanggewand. Was war der Auslöser dafür, diesen Musikstücken einen neuen Rahmen zu geben?

Die Studiotechnik, die Wiedergabegeräte bei den Hörern zuhause wie auch die Hörgewohnheiten haben sich über die Jahre entwickelt und verändert. So musste man früher, in den analogen Zeiten, sehr vorsichtig mit tieffrequenten Impulsen umgehen. Es konnte sonst passieren, dass der Stichel beim Schneiden der Matrize für eine LP einfach aus der Rille sprang. Das, und vieles mehr ist mit der Digitaltechnik nicht mehr so kritisch und führt dazu, dass ein damals eher "schlank" ausgearbeitetes Klangbild heute deutlich "fetter" und kraftvoller dargestellt werden kann.  

Sie sagten: Die Musik beseelt mich, sie nährt mich und sie liebt mich. Vor allem treibt die Musik zu neuen Taten an. - Welche Pläne haben Sie für die kommenden Jahre?

Es gibt noch einige Auftritte, die ich im Trio mit dem Perkussionisten Markus Faller und dem Pianisten/Keyboarder Kurt Eisfeld spielen werde. Beide sind langjährige Mitstreiter. Und dann steht auch der Herbst des Lebens vor mir und ich schaue mit großer Dankbarkeit zurück auf das, was ich erleben durfte. Ich habe einen Traum verwirklicht, von dem mir alle abgeraten haben, als er sich Mitte der 1960er Jahre in mir zu entwickeln begann. "Das wird doch nichts, mache lieber etwas Richtiges!" So geartete Kommentare prasselten von allen Seiten auf mich ein. Es ist höchst befriedigend und erfüllend, dass "es" doch etwas wurde. In der Lebensphase in der ich jetzt bin, nimmt die Vorschau nicht mehr so viel Platz ein und der Fokus auf die Karriere verliert die Strenge.  

In der Nachricht an uns meinten Sie, … in Bollschweil verbindet sich die Arbeitswelt mit der Liebe für das schöne Land in dem ich leben darf. Das ist eine Hommage an Südbaden. Sie fühlen sich in der Region sehr wohl, woran liegt das im Detail?

In meiner Sturm-und-Drang-Zeit, in den späten 1960er Jahren, bot mir der Breisgau wenig Inspiration. Die Atmosphäre war geprägt von Enge und Kleingeistigkeit. Trotz Studentenrevolte ließ sich die Finsternis in der Stadt und vor allem im Umland nicht vertreiben. Ich zog nach England und ein Jahrzehnt später nach Stuttgart. Habe aber während den 27 Jahren die Verbindung zu Südbaden nie abgebrochen. Hier war schließlich mein Elternhaus und seit 1986 auch die Vertriebsfirma, die meine LPs und CDs vermarktete. Als ich 1995 begann mich mit der Belchen-Land-Geschichte zu beschäftigen, gingen mir die Augen auf und zwei Jahre später war klar: da möchte ich künftig wieder leben. Ja, die Landschaft ist schön. Diese Feststellung hat ja schon etwas Klischeehaftes. Weitere Qualitäten kommen dazu: z. B. die uralte Kultur des Weinbaus, die die besten Köche herbeigelockt hat; die Öffnung nach Westen, das Elsass, Burgund und weiter... nach Süden, die Alpen, die Lombardei, das Piemont; und was mir früher finster vorkam ist heute hell. Ja, es ist ein besonderes Licht in diesem Landstrich.

Herzlichen Dank und alles Gute für die Zukunft !

Kontakt: Friedemann Witecka,
Vollton Musikverlag GmbH & Co KG
Leimbachweg 11
79283 Bollschweil

www.vollton.com